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Coronablues

Mit einem lauten Knall begann das Jahr 2020. Als ich im Februar in einem vollen Billigflieger nach Gran Canaria flog, war ich unheimlich stolz schon lange kein Flugzeug mehr betreten zu haben. Natürlich hatten wir Verspätung, aber ich genoss den verschwenderischen westlichen Wohlstand. Auf Gran Canaria erkundeten wir mit dem fabrikneuen Mietwagen die Insel. Dann kam ein Sturm.

Im Dezember hörten wir zuerst nur seichte Nebenmeldungen im täglichen Nachrichtenstream. Hier und da hörte man mal wieder etwas von einer Seuche die irgendwo in Asien aufgeploppt war. Ein Markt in Wuhan, ein paar Infizierte. Im Januar hieß es schon das Virus verbreite sich bereits auf der Welt, das Wort Pandemie lag schon in der Luft und kurz vor Abflug begann es in Italien zu grassieren. Ich hoffte nur keinen Italienern zu begegnen. Natürlich waren Italiener im Hotel. Es war ein komisches Gefühl ihnen zu begegnen. Ich mied sie, als könnten sie sich verwandeln. Zu diesem Zeitpunkt gab es ja nur Gerüchte über das Virus und die meisten Deutschen kannten noch keinen Virologen beim Namen.

Der Sturm war brachial aber nicht wirklich gefährlich. Die sogenannte Calima ist ein lokales Wetterphänomen, welches bei entsprechender Großwetterlage Saharastaub über den Atlantik auf die Kanarischen Inseln weht, ein Sandsturm mitten im Meer. Die Sicht war eingeschränkt, die Luft wurde dick. Ohne Tuch vor dem Gesicht und Brille vor den Augen konnte man sich nicht mehr bewegen. Perfekt für einen Urlaub im Frühling. Immerhin hatten wir einen Tag gutes Wetter. Dann schlossen sie die Flughäfen wegen des Sturms. Waldbrände brachen aus. Gespannt lagen wir auf dem Hotelbett. Unsere Duschhandtücher lagen rot vom Sand auf dem Fußboden, auf dem Nachttisch stand ein Glas Wein und in den Nachrichten begann die Apokalypse. Sandstürme, Waldbrände, was kommt als nächstes? Es war verstörend. Offenbar hatten tatsächlich einige infizierte Italiener das Virus auf die Nachbarinsel gebracht.

Wir bangten um unseren Heimflug, immerhin mussten wir ja wieder arbeiten. Einen Monat später war ganz Deutschland im Lockdown. Es war als backe man einen Kuchen. Damit er auch Jahr gelingt, schaut man immer wieder nach, nur sicherheitshalber. Sieht gut aus. Nur noch ein paar Minuten. Doch als die Eieruhr klingelte, war alles zu spät.

Sicher wussten wir uns zu helfen. Hygienemaßnahmen! das hat die Menschheit aus dem Mittelalter geholt! Da kann es ein paar Schülern nicht schaden: „Na? Wer hat sich heute schon die Hände gewaschen?“ Ich frage mich warum ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch die Hoffnung hatte, das alles würde sich schon wieder einfangen, denn es meldete sich niemand, dabei lagen in Bergamo schon die Toten auf der Straße. Die Schulen waren überfordert. Desinfektionsmittel war ausverkauft, überhaupt diese Spender aufzutreiben, war schon zu viel verlangt. Immerhin hatten wir Klopapier. Aber alle mahnenden Worte halfen nichts. Wir mussten zuhause bleiben.

„Ich glaube wir machen am Montag schon zu. Das wird nicht so weiter gehen.“

Wir machten am Montag zu. Ich war gerade auf dem Markt, um das gute Wetter zu genießen, gemütliches Einkaufen während der Apokalypse. An einer Ecke vor den Gemüseständen saß ein Obdachloser. Er grüßte freundlich, ich grüßte zurück. „Na, was halten sie davon, dass alle auf den Markt gehen, obwohl ein Virus herumgeht?“, fragte ich neugierig. „Alles Quatsch“, gab er zurück. „In ein paar Wochen ist das vorbei, dann reden wir wieder über die wichtigen Themen.“ Ich wollte gerade irgendwas murmeln um meine Empörung zu verbergen, da erhielt ich einen Anruf. Eine Kollegin sei positiv, hieß es. Gut, dass ich mich immer so vorsichtig verhielt und erst kürzlich mit ihr Kaffeetrinken war. Ich wühlte mich also durch die Menge zu meinem Fahrrad. Die Sonne schien und ich durfte in Quarantäne.

Ich bewältigte das Homeschooling überraschend gut. Nur zehn meiner 24 Schüler waren nicht zu erreichen oder zu faul oder beides. Nicht wenigen KollegInnen erging es weniger gut. Nicht alle machten sich schnell genug mit unseren Möglichkeiten vertraut oder waren heillos überfordert. Andere forderten dieselbe Leistung wie im Unterricht, wieder andere erwarteten, dass Schüler rund um die Uhr arbeiten.

„Dürfen wir Noten geben?“ – „Ja klar, der Unterricht geht doch weiter, die müssen ja irgendwann ihren Abschluss machen.“ Das Kultusministerium sah das anders:

Grundlage für die Leistungsbewertung in einem Unterrichtsfach sind alle vom Schüler im Zusammenhang mit dem Unterricht erbrachten Leistungen (schriftliche, mündliche und praktische Leistungen). So sieht es die Notenbildungsverordnung vor. Da die Corona-Verordnung bis zum Ablauf des 19. April 2020 den Unterrichtsbetrieb an den öffentlichen Schulen und Schulen in freier Trägerschaft untersagt, findet in diesem Zeitraum auch keine Feststellung von Leistungen der Schülerinnen und Schüler statt. Es gibt also während der Zeit der Schulschließung keine Noten.

https://km-bw.de/,Lde/Startseite/Ablage+Einzelseiten+gemischte+Themen/FAQS+Schulschliessungen [Stand: 1. April 2020]

Keine Noten? Ehrlich? Meine durchschnittliche Teilnehmerzahl sank auf erfolgsversprechende acht Teilnehmer. Neben der technischen Unterstützung versagte das Kultusministerium uns also auch noch unsere letzte Geheimwaffe. Gut, das war fair, aber ein Stoss vor den Kopf, gerade für Schülerinnen und Schüler, die sich extra ins Zeug gelegt hatten.

Im Mai ging es endlich weiter. Durch die schützenden Masken konnten wir endlich durchatmen. Mittlerweile hatte unsere Gesellschaft neue Propheten gefunden: Wissenschaftler. Überall war von Fakten und Studien die Rede, wenn man sich denn außerhalb der (ver)querdenkenden Filterblase aufhielt. Da war die Rede von Ansteckungscluster und Abstandsgebot, Behelfsmundschutz und Befallsrate, Epidemiologischer Rate, Reproduktionszahl, Vorerkrankung, Mutation, Intensivbettenkapazitäten und Sommereffekt. Die Wärme des Sommers brachte uns tatsächlich eine Erholungspause und diejenigen, die unbedingt nach Malle wollten bekamen auch einen Test spendiert, doch das Virus war immer noch da. Manchmal meldete es sich an einzelnen Orten zurück, wie ein lästiger Mückenstich.

Die Bevölkerung hatte die Maßnahmen akzeptiert. Besonders in Erinnerung blieb mir meine Schwester. Sie traute im Lockdown niemandem mehr über den Weg und sagte mir selbst mit Maske (gefühlt) nur von der anderen Straßenseite „Hallo“. Sie wollte nicht in einer Messehalle sterben, stellte sie fest. Hauptsache die Schulen machten wieder auf nach den Ferien. Das sei ja eine solche Belastung für alle.

Die Maßnahmen konnten durchgesetzt werden, weil alle erkannten wie schnell es gehen konnte. Zwar war Rosenheim nicht Bergamo, aber mit einer Todesrate von 1% traf es manche Landkreise schon merklich. Von der Politik wurde erwartet, dass man vorbereitet in die Wintermonate gehe und auch das Schulsystem sollte sich aufstellen. Als der Finanzminister die „Bazooka“ herausholte, stellte er sie aber nur Unternehmen zur Verfügung. Es half ein wenig. Doch so ein multinationaler Konzern wie Volkswagen oder die Lufthansa kann nicht einfach so geheilt werden. Diese Dinosaurier des vorigen Jahrhunderts weigerten sich stets die Zeichen der Zeit anzuerkennen. Stattdessen ging es immer um Größe. Das 3-Liter-Auto brachte in den 90ern schon keine Gewinne. Warum sollte man sich also mit Innovation ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell erarbeiten? Wer konnte schon ahnen, dass die Leute in Zeiten von Dürresommern und Pandemien weniger Autos kauften?

Selbstverständlich ist es sinnvoll eine Rezession abzuwenden, weshalb wir nach den Banken nun auch noch die Firmen retten, die vor der Krise mit ihrem Umsatz geprahlt haben. Fast schon leichtfertig übernimmt der Finanzminister stellvertretend für das ohnehin schon grantige Volk unbegrenzte Kreditzusagen und weitgehend die Ausfallrisiken. Gleichzeitig fällt in der Schule jetzt immer wieder das W-Lan aus. Vodafone, der ursprüngliche Betreiber unseres Anschlusses wollte unseren Netzausbau nicht mehr tragen, jetzt streiten sich mitten in der Krise der Landkreis und die Stadtwerke seit Monaten um den Preis für einen Anschluss. Seit Juli hat sich wenig getan. Nachdem eine gefühlte Ewigkeit um den monströsen, kaum zu bedienenden DigitalPakt gestritten wurde, nachdem eine Pandemie den Schülern, Eltern, Lehrern und Kultusministern bildhaft vorführte, wie unzureichend die digitale Ausstattung und Ausbildung unserer Schulen ist, streitet – typisch deutsch – eine öffentliche Einrichtung mit einer anderen öffentlichen Einrichtung über die Unterstützung einer dritten öffentlichen Einrichtung. Wenn ich meinen Schülern eine Präsentation davon zeigen wollte wie diese komplexe Logik funktioniert, müsste ich erstmal die Tafel zur Seite klappen, weil man sonst die Projektion nicht sehen kann.

Im Oktober ging es wieder aufwärts, nicht mit der Digitalisierung, aber mit den Infektionszahlen. Lange hatten wir in der unsicheren Situation überlegt, ob wir im Winter die Alpen besuchen sollten. Einen Tag nach unserer Buchung wurde Berchtesgaden dichtgemacht. In der Schule galt ab sofort Maskenpflicht. Die Menschen verstehen es bis heute noch nicht, dass sie es sind, die das Infektionsgeschehen beeinflussen, dabei ist es eigentlich ganz einfach.

AHA+L.

Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und im Winter: Lüften. Das Umweltbundesamt hielt fest, dass in Klassenzimmern alle 20 Minuten für fünf Minuten gelüftet wird. Es war schon ohne die Pandemie schwer in den Berufsschulklassen die Schüler für den Unterricht zu motivieren. Es ist unmöglich eine Maskenpflicht wirkungsvoll in einer Schule durchzusetzen, geschweige denn durch Regelmäßigkeit eine anständige Belüftung zu gewährleisten. Die Universität Trier entwickelte deshalb einfach zu bauende CO2-Ampeln, die auch Schüler im Sinne einer Förderung der MINT-Fächer bauen können. Andere Forscher entwickelten ein Baumarkt-Lüftungssytem dessen Umsetzung nur 200€ pro Klassenzimmer kostet. Als Lehrer an einer technischen Schule erwartete ich Innovation und Problemlösungskompetenz. Immerhin predigen wir das ja unseren Schülern. Stattdessen trinken die Kollegen ohne Maske ihren Kaffee und die Schülerinnen und Schüler ziehen ihre Masken eben wieder aus, wenn ich das Klassenzimmer verlasse.

Jetzt ist November und wir sind im Lockdown Light. Im Kaufland treten sich die Menschen immer noch die Füße platt, aber die Restaurants haben zu. Die Busse sind voll, aber man darf nicht mehr ins Theater. Die Maßnahmen wurden gestern nachträglich im Bundestag legitimiert, während selbsternannte Querdenker vor dem Reichstagsgebäude demonstrierten und die Maskenpflicht verweigerten. Als Wasserwerfer der Polizei vorfuhren um die Versammlung aufzulösen, sah man noch immer Kinder in den Reihen der Demonstranten.

Glücklicherweise taucht langsam eine Impfung am Zeithorizont auf. Viele setzen darauf ihre ganze Hoffnung, aber wie lange wir darauf warten werden bleibt ungewiss. Es stellt sich auch die Frage ob die Impfung hilft, wenn sich in den vergangenen Jahren nicht mal genug Menschen gegen Grippe impfen ließen und wenn auf dem Markt Menschen aus Risikogruppen immer noch keinen Abstand halten.

Wir werden sehen.

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